Die Logistik ist digitalisiert – aber noch lange nicht vernetzt
Bereits 2022 haben wir uns in unserem Beitrag „Große Herausforderung, viele Chancen: Die Digitalisierung der Logistik“ mit den Veränderungen beschäftigt, die digitale Technologien für die Branche mit sich bringen.
Damals galt die Digitalisierung für viele Unternehmen noch als eine der größten Zukunftsaufgaben der Logistik.
Vier Jahre später ist es Zeit für eine neue Bestandsaufnahme: Wo steht die Branche heute und welche Herausforderungen sind inzwischen in den Mittelpunkt gerückt?
Digitale Lösungen gehören mittlerweile in weiten Teilen der Logistik zum Alltag. Warehouse-Management-Systeme steuern Lagerprozesse, Telematiklösungen liefern Fahrzeugdaten und Track-and-Trace-Systeme ermöglichen die Nachverfolgung von Sendungen. Auch automatisierte Lagertechnik, digitale Frachtpapiere und cloudbasierte Plattformen sind in vielen Unternehmen angekommen.
Trotzdem ist die Logistik häufig noch weit von einer durchgängig digitalen Lieferkette entfernt. Denn die Einführung einzelner Systeme bedeutet nicht automatisch, dass Prozesse, Daten und Beteiligte miteinander verbunden sind.
Viele Systeme, aber keine gemeinsame Datenbasis
In der Praxis verfügen Unternehmen heute über deutlich mehr Daten als noch vor wenigen Jahren. Verlader arbeiten mit ERP-Systemen, Planungstools und Lieferantenportalen. Logistikdienstleister nutzen Warehouse- und Transport-Management-Systeme. Speditionen, Frachtführer und weitere Partner setzen wiederum eigene Lösungen ein.
Das Problem liegt deshalb häufig nicht mehr in fehlender Software, sondern in der Verbindung der verschiedenen Systeme. Informationen werden über Schnittstellen, E-Mails oder Excel-Listen ausgetauscht. Daten müssen teilweise mehrfach erfasst werden oder liegen in unterschiedlichen Formaten vor. Dadurch entstehen Verzögerungen, zusätzlicher Aufwand und eine höhere Fehleranfälligkeit.
Viele digitale Einzellösungen ergeben noch keine digitale Lieferkette. Erst wenn Informationen durchgängig verfügbar sind und von allen Beteiligten genutzt werden können, entsteht ein wirklicher Mehrwert.
Künstliche Intelligenz erhöht die Anforderungen an Daten
Mit dem zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz gewinnt dieses Thema zusätzlich an Bedeutung. KI kann Bedarfe prognostizieren, Touren optimieren, Dokumente auswerten, Abweichungen erkennen oder Mitarbeitende bei operativen Entscheidungen unterstützen.
Die Qualität der Ergebnisse hängt jedoch unmittelbar von den zugrunde liegenden Daten ab. Unvollständige Stammdaten, unterschiedliche Artikelbezeichnungen oder fehlende Prozessinformationen lassen sich nicht allein durch den Einsatz einer neuen Technologie lösen.
Damit wird Datenqualität vom reinen IT-Thema zum operativen Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die ihre Daten strukturiert erfassen und systemübergreifend verfügbar machen, können Prozesse schneller automatisieren und Entscheidungen fundierter treffen. Wer diese Grundlage nicht geschaffen hat, wird auch das Potenzial künstlicher Intelligenz nur eingeschränkt nutzen können.
Transparenz wird zur Grundanforderung
Auch die Erwartungen der Verlader haben sich verändert. Sie möchten Bestände, Kapazitäten, Lieferstatus, Kosten und zunehmend auch Emissionen möglichst aktuell einsehen können. Gleichzeitig sollen Logistikpartner frühzeitig erkennen, wenn Abweichungen auftreten oder Kapazitätsengpässe drohen.
Transparenz ist damit nicht mehr nur ein zusätzlicher Service. Sie wird zunehmend zur Voraussetzung für die Steuerung komplexer Lieferketten. Das gilt besonders dann, wenn mehrere Standorte, Verkehrsträger und Dienstleister zusammenarbeiten.
Eine belastbare Datenbasis ermöglicht es, schneller auf Veränderungen zu reagieren. Gleichzeitig verbessert sie die Vergleichbarkeit von Leistungen und schafft eine gemeinsame Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen Verlader und Logistikdienstleister.
Digitalisierung verändert die Auswahl von Logistikpartnern
Diese Entwicklung wirkt sich auch auf Ausschreibungen und die Auswahl logistischer Dienstleister aus. Preis, Standort, Lagerfläche, Kapazität und Branchenerfahrung bleiben wichtige Kriterien. Ergänzend rückt jedoch die digitale Leistungsfähigkeit stärker in den Mittelpunkt.
Verlader sollten deshalb unter anderem prüfen, welche Schnittstellen ein Dienstleister bereitstellen kann, wie schnell eine Anbindung möglich ist und welche Informationen in welcher Qualität ausgetauscht werden können. Auch Datenschutz, IT-Sicherheit, Transparenz und die Fähigkeit zur Prozessautomatisierung spielen eine größere Rolle.
Für Logistikdienstleister wird die eigene Systemlandschaft damit zu einem relevanten Bestandteil ihres Leistungsangebots. Entscheidend ist nicht, möglichst viele digitale Werkzeuge vorweisen zu können. Entscheidend ist, ob sich diese sinnvoll in die Prozesse und Systeme des Kunden integrieren lassen.
Der nächste Schritt heißt Vernetzung
Die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre besteht nicht darin, jede neue Technologie möglichst schnell einzuführen. Nicht jedes Unternehmen benötigt sofort einen digitalen Zwilling, vollständig autonome Lagerprozesse oder KI in sämtlichen Bereichen.
Wichtiger sind klare Abläufe, einheitliche Stammdaten, funktionierende Schnittstellen und eindeutig geregelte Verantwortlichkeiten. Erst auf dieser Grundlage können Automatisierung und künstliche Intelligenz ihre Wirkung entfalten.
Die Logistik ist heute deutlich digitaler als zum Zeitpunkt unseres ersten Beitrags im Jahr 2022. Der entscheidende Entwicklungsschritt steht vielerorts jedoch noch bevor: Aus einzelnen digitalen Prozessen muss eine vernetzte Lieferkette entstehen. Unternehmen, denen das gelingt, profitieren nicht nur von mehr Effizienz. Sie werden auch schneller, transparenter und anpassungsfähiger – und sichern sich damit einen wichtigen Wettbewerbsvorteil.